sgg_logo   Briefwechsel Maurus Meyer von Schauensee
89XXXX
X. SCHNYDER VON WARTENSEE à MAURUS

[sans lieu ni date]

Monsieur mon cher ami!
Darf ich wohl mir schmeicheln, auch jetzt noch ihre theüre Freündschaft zu besizen, da ich die Beantwortung ihres so lieben Briefes vom zweyten Heumonath bis jetzt aufgeschoben habe? Ich kann, wenn ich aufrichtig seyn will, nichts anders zur Entschuldigung dieses langen Stillschweigens anführen, als dass ich bisher nie aufgelegt war, mich mit einem so lieben, theüren Freünd zu unterhalten; denn der Tod meines seeligen Bruders (Pfarrer zu Schüpfen) der in Strassburg ganz unverhoft lange nach einer Operation erfolgte, hat mir so sehr zugesezt, dass meine verirrten Sinne mir nicht so vill Fähigkeit überliessen, dass ich einige Zeilen für meinen werthesten Freünd zusammensezen konnte. Endlich obsiegte die Hoffnung, den edelsten entschlafenen Bruder dereinst wi[e]der in einer bessern Welt zu sehen.
Und nun bin ich wieder so wortreich, dass ich Ihnen einen grossen Foliant schreiben möchte. Ist das wohl genug, um Verzeihung von Ihnen zu erhalten? Ich hoffe es von meinem theüren Meyer, der immer so gütig gegen mich gesinnet war.
Wie vielle Freüd und Vergnügen Sie mir durch Ihren mir so kostbaren Brief, der lauter brüderliche Zärtlichkeit athmete, verursachten, kann ich Ihnen nicht ausdrüken; wenn Sie jemals glüklich wurden, da es keinen Anschein dazu hatte, o dann wissen sie, dass man nie ärmer ist an Worten, als im Glük.- Sie stutzen, über die Worte keinen Anschein hatte, ja ich höre Vorwürfe von Ihnen, dass ich so unverdiente Argwöhn auf Sie fasste. Hören Sie mich zuvor an; Ich glaube, folgende Entschuldigungen werden mich so zimmlich rechtfertigen. Wie konnte ich anderst von Ihnen denken in einer so weiten Entfernung; da ich Sie an einem Ort wusste, wo 100 andere Ihnen theürere Freünde sie unterhalten, so dass Sie ohne Ahndungen meiner leicht vergessen könnten; allein wie froh bin ich, dass ich mich betrogen finde! Ihr Brief, der nur wieder meine Ahndung zeügt, hat mich aus einem Meer von quählender Unruh herausgerissen. Mein Zustand war bis zur Ankunft Ihres Briefs sehr traurig, und auch gewiss nicht wenig fürchterlich. Zwischen Furcht und Angst, und Hoffnung schwankt ich seit dem Abschied von Ihnen hin und her; keine freündschaftliche Seele nahm sich meiner an, und zerstreüte die Nacht der fürchterlichsten Ungewissheit; da erschien Ihr lieber Brief, wie ein Engel aus den Wolken um mir wieder Hoffnung und Leben anzukünden. O theürer Freünd, wie ist mein Herz so voll Dank und Freüde; wie glüklich haben Sie mich auf einmal gemacht! Denn es ist wahrlich keine Kleinigkeit, einen solchen Freünd gefunden zu haben! Wie will ich mich bestreben, Ihrer werthen Freündschaft mich immer würdig zu halten! Wie ich herentgegen gar nicht zweifle, sondern zuversichtlich hoffe, dass Sie Ihre Gesinnung gegen mich nie - niemals ändern werden.
Ihre Nachrichten, besonders Ihre Portraits von denen lebendigen Schönheiten, die Sie alltäglich zu bewundern das beneidungswürdige Glük haben, waren mir sehr willkommen. Freünd! Sie kennen mich, also können Sie sich wohl einbilden, welchen Eindruk sie auf mich machten, und was ich dabey fühlte. Allein seyen Sie versichert, auch hier in unserm Eüropäischen Arabien finden sich nicht wenige dergleichen lebendige Meisterstüke der Natur, die einem mit ihrer zauberischenGötterkraft ganz betäüben. Sie sind alle zum Gebrauch ihrer Verehrer da; aber, Freünd! Sie lassen sich auch göttliche Geschenke machen.
Jener künstliche Garten, den Sie mir als eine der wildesten Gegend[en] beschrieben, hat so ville Aenlichkeit mit der Insul Corse, als ein woglgetroffenes Portrait mit seinem Original; ausgenohmen, dass es scheint, die Corsicaner haben den Geschmak des Tasso, und der Antonia nicht gehabt, Thürme, Paläste, und Liebestempel von Gold und parisischem Marmor hier aufzuführen; (oder vielleicht gar das Geld nicht, welcher Zweifel, noch den erstern überwigt).
Wie brachten Sie aber auf einmal mein Bluth in Wallung, als Sie mich aus dieser wilden Einöde in eine der schönsten und fruch[t]barsten Gegend[en] führten, die mit Landhäüsern, wie in unserm geliebten Vatterland in der Schweiz, besezt war; wie leibhaft, und mit den natürlichsten, lebhaftesten Farben stellte sich mein Vatterland auf einmal mir dar! Wahrhaftig, dieser Auftritt lokte mir nicht wenige Trähnen aus den Augen. Sie äusserten mir den Wunsch, selbes wieder einmal zu sehen, und in diesem Augenblike gesellte ich dem meinigen den Ihrigen bey. - - - O die Zeit! Bis wir einander im Semestre in unserm geliebten Luzern recht brüderlich werden umarmen können, ist sie nicht eine halbe Ewigkeit! O Freünd! Warum ist die Welt so gross? Und warum hat uns die Natur keine Flügel gegeben, wie den Vögeln? - - - Ich wollte, dass ich bis zur Zeit unsers Wiedersehens immer schlafen könnte; es ist etwas wunderliches, oft wird uns die Zeit so lang, und oft möchten wir ihr die Schwingen beschneiden, dass sie nicht so eilig hinflöge. - O Freünd! O Sémèstre! - O ich könnte diesen einzigen Gedanken Tage lang denken, und immer wieder von vorne anfangen. Es ist Nahrung für mein Herz, mehr als alles.
Dass es Ihnen in Versailles so wohl gefällt, und dass Sie, so zu sagen, in leuter Freüden schwimmen, habe ich mit viellem Vergnügen gelesen. Gott lasse es Ihnen immer so wohl gehen, als Sie es verdienen! Sie sind nun in dem Hafen der Glükseligkeit angelangt. Ich schiffe noch immer auf dem weiten, ungestümmen, gefahrvollen Meer herum, und wird wielleicht den Hafen nie erreichen. - Ja billig kann man Corsica dem Meer vergleichen; denn man mag es betrachten, von welcher Seite man will, so ist es ungestümm und gefahrvoll. Alle Tage mus man mit Trähnen in den Augen die schönsten jungen Leute dahin sterben sehen; die vielleicht anderstwo die edle Silber-Krone eines hohen Alters in voller Gesundheit erlangt hätten. Die Corsicaner sind nur allein vermittelst ihrer Seele von den unvernünftigen Thieren unterschiden. Das Land ist so wild und öde, dass man sich verwundert, dass sich Menschen hier innen aufhalten; dann es scheint nur allein für die wildeste Thiere sein Daseyn zu haben.
Ich weis nicht, ich phantasir mich hier den ganzen Tag so in eine andere Welt hinein, und der Tod stellt sich fast alle Stunde des Tags so leibhaft meinen Augen dar, dass ich mich sehr verwundere, dass nicht der öftern Gedanken an den selben mich schon hinweg geraft hat. - - - Feiger Schnyder! So fürchtest du den Tod! Werden Sie während diesem Durchlesen mir zurufen. Aber Freund! Sie täuschen sich; es ist nicht Feigheit, Unwillen ist es, sich fürchten zu müssen, ohne Widerstand gleich einer alten Hure im Bette sich dem Tode zu ergeben. Warum will es das Verhängnis nicht, dass ich im holländischen Flandern mich wirklich mit den activen Kajserlichen herumschlage; da würde mich der Tod nicht so anzäumen [?].
Hier sagt man es laut, dass die Kayserlichen schon würklich gegen den Holländern im Schlachtfeld agiren. Vergessen Sie doch nicht, dismal von dieser mir sehr wichtigen Sache Erwähnung zu thun. Ich fragte Sie schon leztermalen, was man zu Versailles hievon spreche; allein der grosse Schreken, der sie aus Ursachen der im Borbonischen Schlosse entstandenen Brunst anpakte, mag sie der Vergessenheit entschuldigen. Wie wünschte ich es, der Gott Mars gebe dieser Sache ein rechtes Leben; denn ich glaube, Frankreich würde gewiss da nicht mit gleichgültigen Augen zusehen können, sonder sich bald auf die holländische Seite schlagen, und da würde die schmeichelhafte Aussicht sich uns darstellen, bald aus dieser abgeschmaktesten Einöde uns entfernen zu können.
Ich hätte Ihnen noch so vill Wichtiges von dieser Materi zu melden; allein die Zeit hemmt meinen Willen, es gibt ein andermal hoffentlich auch noch Gelegenheit ein mehreres hiervon abzuhandeln. Ich schreitte nun noch in aller Kürze zu andern ebenfalls sehr intressanten Sachen.
Sie haben villeicht von jener hochadeligen [?], und für das Regiment von Sonnenberg ehrenvollen Affaire schon Nachricht erhalten, dass neulich Mr. Leutnant Segesser, samt Mr. Leutnant Bell mit Markatenders Mädchen und etwelchen Soldaten desertirt seyen, dass man jetzt noch wirklich von ihrem Aufenthalt keine Spur hat entdeken können. So wurde es von einem gewissen Herrn an einen unser Herren Officiers geschrieben. - Aber eine noch vill scheüsslichere That mu[s]ste ich vernehmen; dass Herr Leutnant Göldlin sich selbsten mit einem Messer entleibt habe..Weil er Schulden halber allzeit in der Prison [?] sizen musste, wurde ihm das Leben so masleidig, dass er sich desselben entledigte. So wurden diese Zeitungen hieher geschrieben; ob sie gänzlich der Wahrheit gemäs sind, kann ich nicht dafür repondiren.
Diese zween Bögen seynd nun voll geschrieben und die Feder kratzt auch gewaltig. Also vor dismal nichts mehr als ein Lebe wohl, und machen Sie mir die grosse Freüd und schreiben Sie nächstens
Ihrem
aufrichtigsten Freund
X. Schnyder de Wartensee Cadet
Officier au Régiment Suisse de
Lullin de Châteauvieux en garnison
à Corte en l'isle de Corse.

N.S. Ihr Compliment an meinen Bruder hat ihn sehr gefreut, er läst es Ihnen erwiedern; ein gleiches auch Herr Leutnant Meyer. - - -.
Vom andern Meyer dem Soldat der mit uns reiste nächstes mal etwas. Man schikte ihne wider heim, weil er sich gar schlecht aufführte. - - -.

[sans adresse]

89XXXX.SDR-M.(AN:T1534/s.Nr.)(6.1.93).(1)